Der Mann, für den sogar die Steine duften

In jeder Biographie über Sie, Alberto, steht zu lesen, dass Sie an der École des Beaux-Arts Genève Kunst studierten. Welchen Zweig haben Sie damals gewählt – und: Warum haben Sie dort aufgehört?
Das ist leicht zu beantworten: Als ich erkannte, dass aus mir kein zweiter Picasso werden würde, bin ich in eine Werbeagentur gewechselt. Ich war achtzehn, als ich dann in der Vogue ein Interview mit Jean-Paul Guerlain las und zu meiner eigenen Verblüffung feststellte, dass es so etwas wie den Beruf eines Parfumeurs gab. Damit war für mich alles klar. Und ich ging zu Firmenich in Genf.

Wie dürfen wir uns das vorstellen? Sind Sie etwa beim größten privat geführten Aromen- und Duftstoff-Hersteller einfach reinspaziert?
Oui. Und man hat mich in die Chefetage durchgewunken! Wirklich incroyable, denn in dieser Zeit waren nur promovierte Chemiker bei Firmenich tätig. Ich weiß nicht, ob man mich für einfach bloß frech oder für ein wenig verrückt hielt. Meine Leidenschaftlichkeit muss wohl dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass man mich aufnahm, ohne allzu genau zu wissen, wo man mich zuteilen sollte.

Sie kamen dann in die Formulierungs-Abteilung. Ihre Aufgabe dort?
Ich hatte Inhaltsstoff für Inhaltsstoff zu katalogisieren. So lernte ich, während ich mir das Duft-Vokabular aneignete, auch alle Ingredienzien kennen und, wie man sie in Formeln übersetzt. Ich war erst ein, höchstens zwei Jahre da, als ein wichtiger Kunde sich ein großes, neues Parfum wünschte. Nun. Da habe ich mich hingesetzt, die Formel geschrieben, die Komposition erstellt – und auch meine Idee wurde schließlich dem Kunden präsentiert. Aus allen Vorschlägen wählte dieser dann meinen. Ich war natürlich überglücklich, aber so mancher erfahrene Kollege mit Doktortitel empfand das wohl als Affront. Also wusste man erst recht nicht, was man mit mir anfangen sollte, schickte mich zur Firmenich-Tochter in die USA. Und, wie sagt man? Der Rest ist Geschichte…

Sie reisen nach wie vor sehr viel, arbeiten in New York und Paris ebenso wie in Genf. Was bedeutet Reisen für Sie und was das Heimkommen?
Natürlich kurbelt das Reisen meine Kreativität an. Es ist wichtig für meinen Geist. Die Unterschiedlichkeit der Lichtsituationen, die Mannigfaltigkeit der Flora, ja, sogar der Duft der Steine begeistert mich. Am liebsten und öftesten arbeite ich aber in Genf. Ein guter Ort, um Synthesen, Zusammenschauen, des Erlebten zu erstellen. Hier sehe ich die Berge – sie inspirieren mich ebenso wie mein Garten. Ich habe dort viele Rosen gepflanzt und es bedeutet mir unendlich viel, die Schönheit der Natur zu genießen. Wissen Sie, ich brauche sehr viel Kontemplation, bevor ich tatsächlich mit dem Kreieren beginnen kann, meine Ideen ordnen. Manchmal sitze ich für Stunden in meinem Rosengarten…

Es heißt, dass Sie meist an mehreren Düften gleichzeitig arbeiten. Wie schaffen Sie das? Bitte erzählen Sie uns darüber.
Einen Duft zu erschaffen, verlangt höchste Konzentration. Ich kann mich bloß jeweils 5 Minuten mit einem beschäftigen, dann muss ich Pause machen. Dabei schreibe ich meine Impressionen und Gefühle auf. Wie jemand, der sich an einen Traum erinnern will. All das auch für mich, für Mizensir, tun zu können, verändert den Prozess nicht. Aber es gestattet mir Momente immenser Freiheit.

Trommelwirbel! Hier für Sie – nur einige der – Marken, für die Alberto Morillas Welterfolge komponiert hat (nach ABC, v. l. o. n. r. u.): Amouage, Bvlgari, Kilian, Calvin Klein, Cartier, Dolce & Gabbana, Estée Lauder, Eric Buterbaugh, Giorgio Armani, Gucci, Kenzo, Le Labo, Marc Jacobs, Mizensir, Moschino, Mugler, Penhaligon's, Salvatore Ferragamo, Valentino, Yves Saint Laurent. Was Andy Warhol für die Malerei, die Rolling Stones der Musik und Steven Spielberg für den Film bedeuten, bedeutet Alberto Morillas für die Duftkunst.